„Der Weltfrieden-Geist auf der Loveparade lässt sich nicht mehr wiederholen.“

Die DJ-Ikone legt am 1. April im Staupitzbad in Döbeln auf und freut sich auf einen musikalischen Dialog mit dem Publikum.


Elbgeflüster: Jüngst wurden in einer repräsentativen Umfrage der Öffentlich-Rechtlichen die 50 bedeutendsten deutschen Musiker gelistet. Die Namen Ralf Hütter oder Florian Schneider von Kraftwerk tauchten dabei nicht auf, obwohl sie maßgeblich den modernen Pop Sound in vielen Facetten geprägt haben. Wird in Deutschland elektronische Musik nicht als Kulturgut akzeptiert?
Westbam: Das würde ich nicht überbewerten. Die Befragten haben ganz einfach die Künstler genannt, die sie im Plattenschrank stehen haben. Frei nach dem Motto „Ich verstehe zwar nichts von Kunst, aber ich weiß was mir gefällt“ wurde da kein musikhistorischer Ansatz verfolgt. Unter Musikverständigen würde Kraftwerk als eines der einflussreichsten Gruppen überhaupt auf alle Fälle genannt werden – das ist auch unbestritten.

Elbgeflüster: Vielen denken immer noch, dass ein DJ ein lockerer „Spaßjob“ sei. Wie hoch ist denn der zeitliche Aufwand, wenn Du beispielsweise für ein japanisches Event gebucht wirst?
Westbam: Zunächst einmal kann ich durchaus verstehen, wenn Menschen so denken, schließlich spielen populäre DJs in der Regel nur zwei Stunden und kassieren dafür sehr viel Geld. Aber Du musst als DJ noch nicht einmal bis nach Tokio fliegen, denn bereits eine Buchung in Deutschland sorgt dafür, dass dieser Job locker zwei volle Tage Zeit in Anspruch nimmt. Absprachen, Hinfahrt, Soundcheck und Rückfahrt – das kostet alles seine Zeit.

Elbgeflüster: Du legst bereits seit 1983 auf. Was waren Deiner Meinung nach die einschneidendsten Veränderungen in diesem Berufszweig?
Westbam: Früher gab es um den DJ noch keinen Hype. Bei meinen ersten Buchungen kassierte ich für fünf Stunden auflegen 75 Mark. Ich habe aber schon damals gewusst, dass der DJ der Musiker der Neuzeit wird. Heute hat sich eine richtige DJ-Kultur entwickelt, bei denen die Events von Ihnen durch eine besondere Musikauswahl und eigenen Skills komplett geprägt sind.
Die Digitalisierung hat zudem die Branche komplett neu erfunden. Es bietet zwar viele neue Möglichkeiten, aber es hat den Beruf auch läppischer gemacht, da der DJ sich nicht mehr als Künstler präsentiert, sondern dadurch austauschbar ist. Heutzutage gibt viele cleane Großveranstaltungen, wo der DJ nicht mehr von seinem Programm abweicht. Der Dialog mit dem Publikum fehlt da einfach, obwohl die neuen technischen Möglichkeiten diese Freiheiten ermöglichen.

Elbgeflüster: Worauf dürfen sich denn Besucher im Staupitzbad in Döbeln freuen?
Westbam: Ich mag Spontanität, Überraschungsmomente und möchte vom Abend etwas lernen. Ich habe daher kein Standardprogramm im Kopf und freue mich darauf, wenn ich dem Publikum in einen musikalischen Dialog trete. Die Gäste dürfen sich aber auf alle Fälle auf meine lange und stilistisch breite historische Lebensgeschichte freuen.

Elbgeflüster: Du hattest viele Kooperationen mit anderen Künstlern, wie Iggy Pop, Inga Humpe oder Kanye West. Welches Treffen bzw. Zusammenarbeit ist Dir besonders in Erinnerung geblieben?
Westbam: Okay, dazu muss man sagen, dass ich zu Künstlern wie Kanye West quasi nur digitalen Kontakt hatte, da er zuhause in Miami saß. Ich bin noch nicht einmal sicher, ob er das fertige Werk jemals gehört hat. Iggy Pop ist aber für mich einer der musikalischen Götter und die Zusammenarbeit war für mich eine sehr große Ehre. Inga Humpe ist hingegen eine alte Freundin, zu der ich ein entsprechend spezielles Verhältnis habe.

Elbgeflüster: Du bist mittlerweile über 50 Jahre alt und hast bereits 2001 einen „Lifetime Award“ gewonnen. Darf man daher frech schon nach einem Fazit Deiner Vita ziehen?
Westbam: Ach Ja, der Lifetime Award… Dabei fing ich damals doch gerade erst an (lacht). Es fällt mir schwer verabschiedende Worte zu finden, denn ich definiere mich als Künstler und sehe mich nicht irgendwann als klassischer Rentner, wobei aber auch diese Arbeit natürlich Spuren am Körper hinterlässt. Ich bin aber noch fit und es fällt mir daher schwer schon ein Fazit zu ziehen.

Elbgeflüster: Terroranschläge, starke Kommerzialisierung, das GAU in Duisburg – Deutschland hat seine Unschuld verloren, was Großveranstaltungen wie die Love Parade angeht. Oder siehst Du da noch Hoffnung?
Westbam: Klar, dieser damalige Weltfrieden-Geist und diese positive Energie auf der Love Parade nach dem Fall der Mauer lässt sich nicht mehr wiederholen. Das war ein Kind seiner Zeit und spätestens seit den Terroranschlägen existiert dieser Glaube nicht mehr. Heutige Großevents sind nicht mehr bedeutungsschwanger, sondern einfach hochtechnisiert und immer monströser. Das ersetzt den damaligen Spirit. Das mag zwar perfekter sein, aber gerade dieser Punk früherer Veranstaltungen fehlt mir da einfach.  Ich hoffe aber, dass die Kids das eines Tages wiederentdecken werden.

Elbgeflüster: Schenk uns zum Abschluss bitte eine Lebensweisheit. Westbam: „Den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen schleift es mit.“ (Seneca)

Karten und weitere Infos unter:
https://www.facebook.com/events/473071856416211/

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